Steiermark: Von der Habsburgermonarchie zur Innovationsführerin

Die Winter in der Steiermark wären trostlos und im gesamten Land gäbe es kein vernünftiges Bett! So beschrieb der britische Reisende Basil Hall das zweitgrößte Bundesland Österreichs in einem Reisebericht 1836, in dem er den mehrmonatigen Aufenthalt im Schloss Hainfeld bei Feldbach auf Einladung der darbenden Gräfin von Purgstall festhielt.

Zum Zeitpunkt dieses denkwürdigen Besuchs Basil Halls war die 1180 zum Herzogtum erhobene Steiermark Teil des Kaiserreichs Österreichs und des Deutschen Staatenbundes. Bis 1918 war die Steiermark deutlich größer als heute und reichte im Norden bis ins heutige Ober- und Niederösterreich, im Süden bis weit in das heutige Slowenien. Regiert wurde die Steiermark bis zum Ende des ersten Weltkriegs von den 1282 aus der Schweiz kommenden Habsburgern, denen man auch heute noch auf Schritt und Tritt begegnet.

Vom Polizeistaat zur modernen Landwirtschaft

Ein im Einvernehmen mit Kaiser Franz I. errichteter Polizeistaat mit Zensur und Spitzelwesen mündete schließlich im März 1848 in einer Revolution, die großes Chaos verursachte. Der Bruder des Kaisers, Erzherzog Johann, brachte als privater Förderer und Modernisierer wieder Struktur in die Steiermark. Er modernisierte die Landwirtschaft, das Berg- und Hüttenwesen und brachte die Industrie auf Vordermann. Die Technische Universität Graz, die Montanuniversität Leoben, das Joanneum, steirisches Landesarchiv sowie die Landesbibliothek gehen auf ihn zurück.

Die Revolution brachte die politischen Gemeinden mit einem gewählten Gemeinderat und einem Bürgermeister an der Spitze. Die Bauern wurden aus der Abhängigkeit von ihren Grundherren befreit. 1861 wurde eine neue Landesverfassung erlassen, nach der der Landtag nicht mehr aus Ständen, sondern Berufsklassen gewählt wurde – ausschließlich von der männlichen Bevölkerung. Das allgemeine Wahlrecht für Frauen wurde erst 1918 eingeführt. Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und die Freiheit der Person bestanden bereits seit dem 1867 vom Kaiser erlassenen „Staatsgrundgesetz über die allgemeinen Rechte der Staatsbürger“.

Eisen, Stahl und Weltkriege

Die Jahrzehnte bis zum ersten Weltkrieg waren von einem industriellen Aufschwung geprägt, vor allem in der in der Obersteiermark konzentrierten Schwerindustrie (Bergbau, Eisen- und Stahlwerke). Teile der bäuerlichen Bevölkerung wanderten in die Industrieorte ab und wurden Arbeiter in den Großunternehmen. Der schwelende Nationalitätenkonflikt innerhalb des Habsburgerreiches führte schließlich mit dem Attentat von Sarajevo auf Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau zum Ausbruch des ersten Weltkriegs. Während des Krieges spitzte sich auch der Konflikt zwischen „deutscher“ und „slowenischer“ Bevölkerung in der Steiermark zu. 

Ende 1918 wurde der kaiserliche Statthalter in Graz abgesetzt, 1919 ein erster demokratisch gewählter Landtag eingesetzt. Den bis dahin vom Kaiser eingesetzten Landeshauptmann wählt nun der Landtag selbst. Mit dem Friedensvertrag von Saint-Germain 1919 musste die Republik Österreich als Kriegsverlierer die Untersteiermark an das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen abtreten. Das Bundesland verlor damit ein Drittel seiner Fläche und mit Marburg (Maribor), Cilli (Celje) und Pettau (Ptuj) drei für die Geschichte der Steiermark wertvolle Städte. So gilt Pettau (Ptuj) als älteste Stadtgemeinde des ehemaligen Herzogtums Steiermark – und damit als älteste steirische Stadt! In Marburg (Maribor) befand sich die bekannteste Obst- und Weinbauschule der Monarchie. Zahlreiche Burgen und Schlösser in der Untersteiermark gehörten einst den in der Steiermark wohlbekannten Adelsfamilien der Herbersteins und Trauttmansdorffs.

Um das Bewusstsein für das neugestaltete Bundesland zu erhöhen, stellte der Landtag 1929 mit dem „Dachsteinlied“ eine eigene Landeshymne vor. Bereits die erste Strophe „Hoch vom Dachstein an, wo der Aar noch haust, bis zum Wendenland am Bett der Sav‘“ bezog sich aber immer noch auf Teile der Untersteiermark, liegt das Flussbett der benannten Save doch nirgends in der heutigen Steiermark, sondern im Oberlauf vollständig auf slowenischem Staatsgebiet.

Nach dem Anschluss

Nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich 1938 wurde die Steiermark zur Reichsgau, musste das Ausseerland an Oberösterreich abtreten, erhielt aber das südliche Burgenland. Im zweiten Weltkrieg zerschlug Deutschland Jugoslawien, die Untersteiermark wurde der Steiermark zur Verwaltung übertragen. Gegen die Germanisierungspolitik regte sich bald Widerstand, sowohl in der Steiermark als auch in der verwalteten Untersteiermark. Politische Gegner wurden in Konzentrationslagern in der ganzen Steiermark interniert, viele ungarische Juden verloren bei Märschen durch die Steiermark ihr Leben.

Nach Kriegsende bildete sich 1945 in der Steiermark eine provisorische Landesregierung aus ÖVP, SPÖ und KPÖ. Bei den ersten Wahlen gingen ÖVP und SPÖ als Sieger hervor – unter den Augen der britischen Besatzer. Erst 1955 endete die Besatzungszeit auch in der Steiermark.

Wo die Steiermark heute steht

Zurück blieb ein vom Krieg zerstörtes Land, das durch die Verstaatlichung der Schwerindustrie und Hilfen aus dem Europäischen Wiederaufbauprogramm („Marshallplan“) mühsam wieder aufgebaut wurde. Neue Kraftwerke und die Südautobahn führten bis in die 1970er Jahre in einen wirtschaftlichen Aufschwung, dem jedoch eine Strukturkrise folgte. Die Privatisierung der Industrie, der Aufbau anderer Wirtschaftszweige – vor allem der Automobilzulieferindustrie, die Erschließung des Tourismus in den Wintersport- und Thermengebieten sowie der Beitritt Österreichs zur Europäischen Union 1995 sicherten eine stabile wirtschaftliche Entwicklung.

Heute ist die Steiermark in vielen Technologiebereichen Innovationsführer und hat sich einen weltweiten Namen als Tourismusregion erarbeitet.